Frau Dethier beim Interview in der Redaktion


Im Gespräch mit der scheidenden JES-Intendantin

Ich bin stolz, was aus dem JES geworden ist

von Sabine Rees und Katharina Fritz

Im Gespräch mit der scheidenden Intendantin des Kinder-und Jugendtheater JES in Stuttgart

Ende August endet die Intendanz von Brigitte Dethier am Jungen Ensemble Stuttgart, dem „JES“. Sie hat das renommierte Kinder- und Jugendtheater in der Eberhardstraße vor 20 Jahren aufgebaut  und damit für die Kinder- und Jugendkultur in der Landeshauptstadt einen Platz geschaffen, der bundesweit seinesgleichen sucht. Zahlreiche Preise, unter anderem 2009 der Deutsche Theaterpreis FAUST  für ihre Inszenierung „Noch 5 Minuten“ oder jüngst die Auszeichnung für das Stück „Oma Monika“ mit dem Mülheimer KinderStückePreis (Inszenierung und Regie Milan Gather) zeigen, welch hohe künstlerische Qualität im JES geleistet und mit welcher Liebe zum Detail an diesem Theater gearbeitet  wird. Nicht zuletzt zeugt davon auch der anhaltend große Zuspruch der Besucherinnen und Besucher, die sich mit den Themen und Inszenierungen am JES ernstgenommen fühlen.  Wir haben mit der beeindruckenden Theaterfrau über ihre Zeit in Stuttgart gesprochen, Höhen und Tiefen in ihrer Arbeit, was sie in dieser Zeit am meisten gefreut, aber auch am meisten geärgert hat und welche neuen Herausforderungen nun auf sie warten.

Frau Dethier, als ich Sie 2004 zum Start des JES im Kulturareal Unterm Turm zum ersten Mal befragt habe, meinten Sie „das JES ist mein drittes Kind“. Wie geht es diesem, jetzt nach 20 Jahren?

Um im Bild zu bleiben: Ich denke, es ist gut groß geworden, hat schnell laufen gelernt, obwohl die Rahmenbedingen zu Beginn nicht einfach waren und hat in der Pubertät nicht besonders gebockt, sondern sich gut leiten lassen. Jetzt mit 20 Jahren ist das JES ein wichtiger Ort der Kinder- und Jugendkultur, für den uns andere Städte beneiden.  Ich bin wirklich sehr stolz, was mein Team und ich in den vergangenen Jahren auf die Beine gestellt und geleistet haben. Vor allem, wenn man sich nochmal vor Augen führt, wie wir damals  gestartet sind.

Sie meinen die Bauverzögerungen?

Auch. Da wir 2002 unverschuldet, aufgrund der verzögerten Bauarbeiten  des Theaterareals Unterm Turm  nicht mit einer regulären Spielzeit am Spielort Eberhardstraße  starten konnten,  wurde uns angedroht, Gelder zu kürzen. So sind wir damals erst einmal als mobiles Theater gestartet.

Im Rückblick war das vielleicht ein Glück, da wir ja mit allem bei null anfangen mussten und durch die mobile Arbeit zumindest schon einmal erste Kontakte zu Kindergärten und Schulen herstellen konnten. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt ja keine einzige Adresskartei.  Der Umzug und offizielle Start des JES im Mai 2004. war dann noch länger von Baustellen und damit einhergehenden Behinderungen geprägt. Dennoch sind wir damals voll durchgestartet und haben auch gleich zu Beginn das Internationale Theaterfestival „Schöne Aussicht“ auf den Weg gebracht, das seither alle zwei Jahre am JES stattfindet.  

Konnten Sie gleich vor vollen Rängen spielen?

Als es mit dem normalen Spielbetriebe im Herbst 2004 losging hat es natürlich schon noch ein bisschen gedauert. Am Anfang saßen da zwei Klassen im großen Saal. Die Auslastungszahlen wurden dann kontinuierlich besser.  Jetzt liegen wir im Durchschnitt bei über 90 Prozent. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen hier vor Ort erst ein bisschen fremdeln und wenn sie einen dann kennen sind sie sehr treu.

Das sagt man den Schwaben ja gerne nach?

Ja, das stimmt. Aber ich habe es tatsächlich so erlebt. Unsere Veranstaltungen, die wir an die Multiplikatoren richten, also Lehrerinnen und Lehrer oder Erzieherinnen und Erzieher, die sich die Stücke bei uns vorab anschauen können, um einzuschätzen, ob das Thema und die Inszenierung etwas  für ihre Zielgruppe ist, waren am Anfang immer sehr voll. Nun buchen die Einrichtungen auch ohne Vorbesichtigung, da sie dem JES sehr vertrauen.

Von Anfang an wollten Sie im JES Geschichten für Kinder und Jugendliche erzählen, die herausfordern und theatralisch so aufbereitet werden, dass sie auch für Erwachsene interessant sind. Sie sagten mir damals „Theater nach dem Motto - Na ja, für Kinder reichts, seien Ihnen ein Graus“. Ist Ihr Ansinnen aufgegangen oder haben Sie Ihr Publikum manchmal auch überfordert?

Mein Ziel war es immer, qualitatives Theater für und mit jungen Menschen zu machen, verbunden mit einem klaren Bekenntnis zu Kunst und Kultur für junges Publikum. Dafür muss man natürlich sein Publikum vor Ort erst mal kennen lernen. Wenn ich auf meine verschiedenen Stationen an unterschiedlichen Kinder- und Jugendtheatern zurückblicke, war in Stuttgart vieles möglich. Aber in jeder Spielzeit gab es natürlich auch etwas, bei dem man daneben lag. Gerade bei  Stückentwicklungen kann es passieren, dass man schnell merkt, dass man altersmäßig zu niedrig oder zu hoch ansetzt.  Dann gilt es, in den Diskurs zu gehen und gegebenenfalls nachzubessern oder zu verändern.  Wir haben aber bei Publikumsgesprächen oft auch festgestellt, dass Kinder Themen nicht so schwer nehmen und zum Teil ganz anders auf Inszenierungen schauen, als vielleicht die Erwachsenen.  

Das heißt, das JES ist mit und am Publikum gewachsen und umgekehrt?

Ich glaube schon. Ich hoffe sehr, dass die Leute aus den letzten 20 Jahren etwas mitgenommen haben und vielleicht in der Betrachtung anderer Theaterstücke für Kinder und Jugendliche merken, was sie an diesem Haus haben.

Sie haben sich mit der Zeit ja auch einem ganz neuen Genre, nämlich Theater für die Allerkleinsten geöffnet. Am Anfang waren Sie davon nicht so überzeugt?

Ja das stimmt. Allerdings haben wir durch eine längere Kooperation mit dem Kindertheater Teatro Testoni Ragazzi in Bologna, die im Bereich Theater für die Allerkleinsten weltweit führend sind und mit denen wir das Stück „Uno a Uno“ entwickelt haben, gesehen, dass die theatrale Form auch für diese Altersgruppe der Ein- bis Eineinhalb jährigen funktioniert . Gerade Kinder, die von zuhause vielleicht nicht so viele kulturelle Anregungen bekommen, werden von diesen Formaten besonders angesprochen. Seitdem gibt es im Repertoire des JES auch immer ein Angebot für diese Altersgruppe. Zurzeit ist es das Stück „Unsere große Welt“.

Was hat sich am Kinder- und Jugendtheater noch verändert?

Man muss sich nur in der Welt umgucken und es wird klar, dass vor allem in den letzten zehn Jahren unglaublich viele neue Bereiche an Bedeutung  gewonnen haben, die vorher viel weniger im Fokus standen. Natürlich hat das auch Einfluss auf unsere tägliche Arbeit am Theater, aber auch auf die Themen, die wir theatralisch bearbeiten. Um nur einige Beispiele zu nennen: Wie wollen wir miteinander arbeiten?  Wie divers sind unsere Teams? Wie gehen wir mit dem Thema Inklusion, mit Genderfragen, der Digitalisierung (vor allem in der Coronazeit)  um? Was folgt aus Krieg und Flucht? Ein großes Thema ist auch Partizipation, das auch im JES in Zukunft durch einen Kinder- und Jugendbeirat mehr Berücksichtigung finden wird. Ich finde, es wächst gerade eine sehr politische Jugend heran und es ist sehr wichtig, mit denen in Kontakt zu kommen und diesen Kontakt auch zu halten.

Sie sind seit vielen, vielen Jahren in der Kinder- und Jugendtheaterszene tätig und setzen sich auch politisch als Vorsitzende des ASSITEJ  für die Förderung des professionellen Kinder- und Jugendtheaters ein. Wie kam es dazu und was treibt Sie an?

Wie das oft so ist, war in dieser Entwicklung viel Zufall im Spiel. Ich bin als Kind nie mit Kinder- und Jugendtheater in Berührung gekommen. Mein erster richtiger Kontakt zur Theaterwelt war, als mich meine Eltern im Alter von etwa elf Jahren zusammen mit meiner Schwester alleine ins Operettenhaus in Hamburg in eine Aufführung von „My Fair Lady“ gesetzt haben.   Ich weiß es noch ganz genau und werde es nie vergessen. Wir hatten einen Balkonplatz und alles war so groß und so mächtig. Perücken, Puder und vieles mehr, was mich damals schwer beeindruckt hat. Ab da war das Theatervirus gesetzt und bald danach habe ich, ganz klassisch, in meiner Schule in Bensheim in der Theater AG angefangen. Nach der Schule hat sich aus dieser AG eine freie Theatergruppe formiert, in der ich zehn Jahre, immer parallel zum Studium mitgespielt habe. Es gab nach dem Abitur aber immer eine Berufsentscheidung für mich:  „Ich werde nie Theater professionell machen“.  Denn das Theatermachen oder am Theater tätig sein, bedeutet, dass man viel umziehen muss und das viele Umziehen meiner Eltern hat mir als Kind sehr weh getan.

Dann kam es aber bekanntlich doch anders?

Ja (lacht). Die Entscheidung fürs Kinder- und Jugendtheater hat sich dann über verschiedene Schritte und vor allem durch Begegnungen während meines Studiums der Theaterwissenschaften und der Neueren Deutschen Literaturwissenschaften in Frankfurt  ergeben. Nach dem Studium ging es aufgrund des Kontakts zu Jürgen Flügge vom Theater der Jugend zunächst als Regieassistentin nach München, später dann als Leiterin der Kinder und Jugendtheater nach Esslingen, Tübingen und Mannheim. Dann gab es die Möglichkeit nach Stuttgart zu gehen, mit einer längerfristigen Perspektive und für meine Familie und mich die Möglichkeit, an einem Ort zu bleiben.

Also nur persönliche Gründe, sich dem Kinder und Jugendtheater zu widmen?

Die Entscheidung für das Publikum „Kinder und Jugendliche“ entstand neben diesen privaten Aspekten auch aus dem Gefühl heraus, dass es total Sinn macht, für diese Altersgruppe Theater zu machen. Denn junge Menschen anzusprechen, die noch auf ihrem Weg ins Leben sind, die Fragen haben und Antworten suchen, ist ein sehr spannender und wichtiger Prozess. Daher sind auch gerade Gespräche mit dem Publikum am Kinder- und Jugendtheater sehr wichtig. Es ist aus meiner Sicht aber auch eine Sparte mit weniger Eitelkeiten und einem kollegialeren Umgang miteinander. Dafür hat man den Schmerz, dass man von der Öffentlichkeit und der Fachwelt nicht so beachtet und ernst genommen wird.

Deswegen auch Ihr Bestreben sich politisch in dieser Frage mit einzubringen?

Richtig. Ich engagiere mich seit Jahren in der Internationalen Vereinigung  des Theaters für Kinder und Jugendliche, ASSITEJ, um mehr Anerkennung für das Genre Kinder- und Jugendtheater insgesamt, aber auch in der Fachwelt zu bekommen und um die Arbeitsbedingungen für die dort Tätigen zu verbessern. So werden Menschen, die am Kinder- und Jugendtheater arbeiten immer noch schlechter bezahlt als anderswo. Und es ist immer noch Usus, dass man Schauspielabsolventinnen und- absolventen vorm Kinder- und Jugendtheater warnt, da damit die weitere Karriere beendet sei! Dabei speist sich das Bild, derjenigen, die das sagen oft aus eigenen, antiquierten Kindertheatererinnerungen. Viele wissen gar nicht, was moderne Kinder und Jugendtheater machen.  

Ist das JES-Team Ihrer Theater-Vision immer gefolgt?

Insgesamt verstehen wir uns im JES als ein großes gemeinsames Ensemble und als Ensemble meinen wir in dem Fall wirklich alle!  Das heißt auch die technischen Gewerke sitzen bei uns zum Beispiel bei der Spielplanplanung mit am Tisch und bringen sich ein. Ich glaube, dass die Waage zwischen: „Sie ist unsere Leiterin“ und dem „Wir sind ein Ensemble“ sehr gut funktioniert hat. Wir sprechen bei Neueinstellungen auch immer von hoher Eigenverantwortung, die gewünscht ist.  Das heißt vor vorneherein ist klar, eigenverantwortliche Planung zum Beispiel der Arbeitszeit aber auch im Einbringen von Themen und Kritik ist gewünscht. Und: inhaltlich, also bei der  Auswahl unserer  Themen und Stoffe, war es nie nur meine Linie. Regisseurinnen und Regisseure, die mit am JES aktiv sind und waren, konnten immer ihre eigenen Vorschläge und Themen einbringen und auch verwirklichen. Mir war es hier immer wichtig, verschiedene Handschriften am Haus zu haben, so dass es auch ganz verschiedene Inszenierungen und Ausstattungshandschriften gab!

Gibt es Highlights in Ihrer Intendanz, auf die Sie besonders stolz sind?

Es gibt etwas, das erfüllt mich mit ganz, ganz großer Freude: wie viele Menschen wir mit unserer Arbeit und dem Platz JES auf den Weg gebracht haben. Das ist mir noch einmal besonders aufgefallen, als wir die Nachschau für unsere Chronik gemacht haben. Da stehen Namen bei den Spielclubs, die haben heute ihren festen Platz an renommierten Theatern oder sind auch in ganz anderen Bereichen gut vorangekommen. Wir bekommen so viele berührende Rückmeldungen von Ehemaligen, die beschreiben, wie wertschätzend sie ihre Zeit am JES  erlebt haben und das sie hier eine ganz besondere Zeit und Impulse für ihr weiteres Leben bekommen haben.  Das ist unglaublich schön! Und natürlich hoffe ich, dass wir bei vielen Kindern mit unserer Arbeit den Theatervirus gesetzt haben.

Und auf was hätten Sie in dieser Zeit getrost verzichten können?

Was mich wirklich aufregt,  ist der abnehmende Kulturjournalismus. Wenn ich mir Presseordner vom Anfang meiner Zeit im JES anschaue, hatten wir manchmal sechs Kritiken bei Premieren. Heutzutage kommt es vor, dass es keine einzige mehr gibt. Dabei brauchen wir solche Kritiken, allein schon für die künstlerische Auseinandersetzung. Ich will Kritiken lesen, auch die schlechten! Durch die Konzentration auf immer weniger eigenständige Verlage und Kürzungen der Blattstärken haben wir es mit einer Verarmung der Presselandschaft insgesamt und Streichung der Kulturseiten insbesondere zu tun. Das ist trostlos und alle Theaterschaffenden leiden darunter. Und es kommt dann vor, das eine dpa- Meldung, zur Verleihung des Mülheimer Kinder-StückePreis, den wir soeben mit unserer Aufführung „Oma Monika“ gewonnen haben, von der ortsansässigen Presse einfach mal nicht gebracht wird, was man sich bei einer gleichwertigen Meldung im Erwachsenentheater niemals erlauben würde!

Gibt es etwas, was Sie im Rückblick anders machen würden?

Als das JES gegründet wurde, hat der damalige Finanzbürgermeister verhindert, dass in unseren Arbeitsverträgen Tarifsteigerungen enthalten sind. Er hat damals gesagt „Das kommt da nicht rein“. Und es stand die Frage im Raum, ob wir das JES, wenn ich dem nicht zustimme, vielleicht nicht eröffnen können. Dazu würde ich mich heute nicht mehr erpressen lassen! 

Möchten Sie uns am Schluss noch verraten, wie Ihre weiteren Pläne sind, wenn Sie nun im Sommer das JES verlassen?

Im Januar waren die Neuwahlen der ASSITEJ und ich werde für die nächsten drei Jahre die erste Vorsitzende bleiben und mich weiter ehrenamtlich für die Belange der Kinder - und Jugendtheater engagieren. Und ich habe mich entschieden, als freie Regisseurin zu arbeiten. Ich werde sicher in kein Loch fallen (lacht), da ich schon sehr viele Anfragen habe, die ich gar nicht alle annehmen kann. Die nächsten Schritte führen mich erst einmal ans Theater in Luzern, nach Bielefeld und nach Darmstadt und ich werde sowohl im Erwachsenen, als auch im Kindertheater inszenieren. Ich denke, dass ich erst mit der Zeit spüren werde, dass auch etwas von mir abfallen wird, denn die Personalverantwortung und der ganze administrative Bereich fallen jetzt weg und darauf freue ich mich auch. Und: ich werde ja weiter als Oma Monika im JES als Gastschauspielerin zu sehen sein. Dann klingele ich dort an der Tür und sage: hier ist die Gitti für die Oma Monika!

Liebe Frau Dethier, wir danken Ihnen für das Gespräch und ihre tolle Theaterarbeit hier in Stuttgart! Wir Luftballoner wünschen Ihnen für die Zukunft alles erdenklich Gute und freuen uns sie ab und an in Stuttgart wiederzusehen.

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